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HSP "Hypersensitiv" klingt nach "Königin auf der Erbse", klingt nach dem Verwandten, der schon immer irgendwie komisch war. So bin ich ziemlich froh dass, Identitätslosigkeit, den Schmerz des anderen fühlen, als wäre es der eigene und den Rückzug mehr als andere zu geniessen, endlich einen Namen bekam. Die amerikanische Psychologin Elaine N. Aron sagt dazu HSP, highly sensitive person.

Es sind 15-20% der Menschen, die zu einer solchen intensiven Gefühlswelt veranlagt sind. Es gibt diesen Anteil in jeder Population. Welche Anstrengung es so manches Mal erfordert damit zu leben, teilt kaum ein Betroffener mit. Hypersensibilität ist eine Konstitution des neuronalen Systems: Sinnesreize werden weniger gefiltert. Ein automatisches Ausblenden "unwichtiger Informationen", wie Hintergrundgeräusche findet nicht oder selten statt. Drei Bereiche, Spüren, Fühlen und Denken, sind bei Hypersensitiven stark ausgeprägt. Fühlende nehmen Zwischenmenschliches sehr detailreich und genau wahr. Sie fühlen (unausgesprochene) Konflikte sofort und empfinden Verantwortung zu einer Lösung beizutragen. Leider ist das nicht immer erwünscht. Das emotionale Analysieren geschieht unmittelbar und automatisch.

Ist der Sensitive ausgeglichen empfindet er das Leben als inspirierend, verhält sich offen, tolerant, altruistisch, vorurteilsfrei und sehr sozial. Ist er es nicht, ist er überfordert: verstört, energielos, scheu, gehemmt, introvertiert und unkonzentriert. Ein Rückzug oder komplette Vermeidung von der Überstimulation ist dann der einzige Weg.

 

Mir wurde von Niemandem bestätigt, dass ich hochsensibel bin, ich fand mich allein durch Elaine N. Arons Beschreibungen darin wieder. Ich empfinde einfach nur Unbehagen unter Menschen. Ich bin auf der einen Seite rücksichtslos und unhöflich, unentspannt und unnatürlich, wütend auf sie, weil sie so laut sind und zu nah. Und sich alles um etwas geht, nur nicht um das echte Leben. Auf der anderen Seite bin ich wie ein Mönch, mit Liebe, innerer Zufriedenheit und Zeit für jeden und alles. Dieser Kontrast ist anstrengend, denn ich halte es einfach aus, ohne mich zu bemühen etwas zu ändern, was sicher falsch ist. Aber ich will mich nicht um sie kümmern!! Ich habe mal gut mit Menschen gekonnt. Aber, die angeblich Wichtigsten haben mich tief traurig gemacht. Meine Beziehungen zu Menschen sind jetzt alle irgendwann Bruchlandungen durch meine Art ihnen zu sagen, dass ich mehr Abstand brauche, Erholung von ihnen... alles ist mir zu nah. Die Menschen um mich herum im Alltag öffnen sich mir schnell und vollkommen, so denke ich, und ich weiß nicht warum sie es tun. Ich kann an ihren Stimmen hören wie es ihnen geht. Ihre Augen sagen mir mehr als sie selber sehen. Ich werde kurz darauf zu ihnen: Wenn wir uns unterhalten verändert sich meine Stimmung, mein Wesen passt sich an. Wir werden ein Team. Doch ich mache dafür nichts, es passiert einfach und ich mag es nicht. Ich mag nicht, dass so offensichtlich wird, dass der andere meine Wellenlänge hat. Ich kann seelenruhig in ihren Seelen herumspazieren. Und das finde ich nicht richtig. Weil ich glaube, dass sie es nicht tun oder nicht bewusst. Ich hingegen schon. Allerdings könnte es ebenso gut auch anders herum sein, sie spazieren in meiner Seele herum und ich werde sie nicht los, weil ich keine Tür habe. Warum bin ich so offen, warum sind sie so offen, frage ich. Wie stark sie sind, es allen zu zeigen, mir, die es nicht schafft. Bis ich merke, dass sie gerade das, was ich mir da eben anschaute, vor anderen versuchen zu verbergen. Eine verdrehte ziemlich verwirrende Welt für mich. Denn als ich es tat, offen zu zeigen wie ich mich fühle, offen zu sagen was ich denke, erntete ich Missverständnisse. Niemand findet Zugang zu mir. Ich bin ihnen zu abstrakt. Scheine für sie Drogen genommen zu haben. Doch sagte ich nur, dass ich, als ich las und du dich zu mir setztest, ich plötzlich nicht mehr die Zeile fand, bei der ich war. Ich musste aufhören zu lesen, solang du hier neben mir warst... Oder ich erzählte dass, als ich ihn traf, eines Tages völlig zufällig. Wir sahen uns einige Zeit nicht und nun winkten wir kurz einander zu. Ich erinnerte mich damit an den Stammtisch, zu dem ich mal wieder gehen wollte. Später sagte er, er hätte mich in diesem Moment fragen wollen ob ich mal wieder käme, doch wir gingen ja aneinander vorbei beim Winken... Auch das Beispiel beim Essen mit einem Kollegen. Ich saß ihm gegenüber und wir erzählten vergnügt und plötzlich verschlug es mir die Sprache, ich empfand uns als ein Paar. Ich, seine Frau, er, mein Mann. Doch ich wollte das gar nicht sein, wünschte mir sowas nicht. Er meinte dann, er säße hier früher oft mit seiner Freundin, die auch mal hier arbeitete... Das ist meine Realität. Dieses ständige Erinnern, was mich von eigenem Tun und Machen abhält. Schizophren bin ich nicht, sagen die Ärzte, wenn überhaupt Angststörungen, sagen sie. Doch es ist einfach nur eine Sensibilität, die 15-20% der Menschen verstehen können. 

 

"Hochsensible müssen darauf achten, geringere Sensibilität und das entstehende Verhalten nicht als Rücksichtslosigkeit zu interpretieren. Unterschiedliche Wahrnehmungen und Bedürfnisse erschweren manchmal das Zusammenleben, aber sie können auch zu einer Bereicherung werden, wenn man sich gegenseitig verstehen und wertschätzen kann." empfiehlt der Verein zur Förderung hochsensibler Menschen (http://www.zartbesaitet.net/). Und auch diesen Link kann ich zur näheren Information empfehlen. 

 

Berlin, 14.August 2017